Andacht

Liebe Leserin, lieber Leser!

Sind Ihnen eigentlich schon einmal die wunderschönen Antependien in unserer Martinkirche aufgefallen? „Antependien“ – so werden die „Vorhänge“ genannt, die die Kanzel und den Altar in unseren Kirchen schmücken.

Jede Festzeit im Kirchenjahr hat ihr eigenes Antependium in einer je besonderen Farbe: weiß, violett, schwarz, rot…

In diesen Tagen ist das grüne Antependium zu sehen, das einen in zwei Hälften geteilten Baum zeigt: Die rechte Seite des Baumes mit den in vielen Grüntönen schimmernden Blättern und den roten Früchten steht in Saft und Kraft. Wohingegen die linke, fast nur schwarze Seite öde und wie tot erscheint. „Gespaltener Baum“ hat der Künstler Kurt Wolff, der das Antependium entworfen hat, das Bild genannt.

In diesem Baum erkenne ich eine Metapher für das Leben: Wie dieser Baum, so hat auch unser Lebensbaum zu seinen Zeiten diese beiden Seiten: Da gibt es Zeiten, in denen wir die Fülle des Lebens haben und daneben auch solche, da ist unser Leben trist und leer.

In den letzten Wochen des Kirchenjahres, in denen dieses Antependium in der Kirche zu sehen ist, feiern wir zwei Kirchenfeste, die uns auch auf diese beiden Seiten unseres Lebensbaumes hinweisen:

Da feiern wir Erntedank und loben Gott für die Fülle, aus der wir jeden Tag schöpfen können – und beklagen zugleich, dass nicht überall auf der Welt dieser Reichtum an Gaben zu haben ist –, dass neben unserem Überfluss hier Hunger und Mangel an vielen anderen Orten steht.

Und wir feiern den Ewigkeitssonntag, der uns daran erinnert, dass alles Leben – auch unseres – nicht ewig blühen und währen kann, dass wir aber doch Hoffnung auf neues, ewiges Leben und neues Erblühen haben dürfen.

So regt das Antependium in mir beim Betrachten viele Bilder und Gedanken an. Vielleicht haben Sie Lust, die Martinkirche demnächst einmal wieder zu besuchen und sich dabei von diesem besonderen Altarschmuck ansprechen zu lassen. Was mögen Sie in diesem Kunstwerk erkennen?

Ihr Pfarrer Thomas Böhmert